Das Wort »Schleier« ruft den Begriff des Mysteriums hervor, weil er dem Blick etwas entzieht, das entweder zu heilig oder zu intim ist; aber er birgt auch innerhalb seiner eigenen Natur ein Mysterium, sobald er zum Sinnbild der allumfassenden Verschleierung wird. Der kosmische und metakosmische Schleier ist ein Mysterium, weil er in den Tiefen der göttlichen Natur verwurzelt ist. Nach den Vedantisten ist es unmöglich, Mâyâ zu erklären, auch wenn man ihre Anwesenheit zugeben muss; wie Âtmâ ist Mâyâ ohne Ursprung und ohne Ende.
Der hinduistische Begriff der »Täuschung«, Mâyâ, stimmt mit der islamischen Sinnbildlichkeit des »Schleiers«, Hijâb, überein: Die allumfassende Täuschung vermag einerseits zu verhüllen und andererseits zu enthüllen; sie ist der Schleier vor dem Angesicht Allâhs1 oder, wenn man die Sinnbildlichkeit erweitert, die Folge von 70000 Schleiern aus Licht und Dunkelheit, die entweder aus Milde oder aus Strenge die blendenden Strahlen der Gottheit dämpfen.
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