Es ist eine alltägliche Erfahrungstatsache, dass der Mensch glauben kann, ohne zu verstehen; viel weniger ist man sich der umgekehrten Möglichkeit bewusst, nämlich zu verstehen ohne zu glauben, und dies erscheint sogar als widersprüchlich, da nur derjenige den Glauben nötig zu haben scheint, der nicht versteht. Heuchelei besteht aber nicht nur in der Scheinheiligkeit desjenigen, der vorgibt, besser zu sein als er ist; sie besteht auch im Missverhältnis zwischen Gewissheit und Verhalten, und in dieser Hinsicht sind die meisten Menschen mehr oder weniger Heuchler, da sie Wahrheiten anzuerkennen vorgeben, die sie nur in schwachem Maß in die Tat umsetzen. Glauben, ohne dementsprechend zu handeln, ist auf der Ebene der schlichten Gläubigkeit das Gleiche, was auf der geistigen Ebene ein Verständnis ohne Glauben und ohne Leben ist; denn wirklich glauben heißt, eins sein mit der Wahrheit, die man bejaht, auf welcher Ebene diese Zustimmung auch stattfinden mag. Die Frömmigkeit verhält sich zur religiösen Gläubigkeit wie der wirkende Glaube zum lehrmäßigen Verständnis, oder auch wie die Heiligkeit zur Wahrheit…
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